2026-06-07 - RC Pyhrn Priel

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

news > 2026
Glocknerkönig 2026 – Nennt mich Ikarus
„Ich werde mein eigenes Tempo fahren“, versprach ich in weiser Voraussicht meinen RadsportkollegInnen vor dem Glocknerkönig 2026. Und ich versprach es eigentlich vor allem auch mir selbst. Wenn ich nämlich beim Radfahren etwas nicht so gut kann, dann sind es viele kurze Sprints oder Antritte hintereinander. Ich würde mich also sicher nicht von anderen Fahrern dazu verleiten lassen, das hatte ich auch in vorigen Rennen schon gelernt.
Eine Information vorweg, um Verwirrung zu vermeiden:
Bei diesem Rennen gab es zwei Zielorte.
Den Klassiker bis zum Fuscher Törl auf ca. 2430m (Wertung „Classic“) und die noch etwas längere Variante bis auf die Edelweißspitze in 2570m Höhe („Ultra“). Ich war für den Ultra-Bewerb angemeldet (so nach dem Motto wenn schon, denn schon). Die Strecke der beiden Wertungen war exakt gleich, nur ca. 300m vor dem Ziel der Classic-Strecke befand sich die Kreuzung zur Edelweißspitze. Von dort aus waren es für die Ultra-Teilnehmer noch ca 1,7km auf Kopfsteinpflaster bis ins Ziel. Es starteten alle gemeinsam.
Vor dem Rennen war vieles unbekannt für mich:
·         Das erste Mal Radfahren in der Höhe über 2000m,
·         das erste Mal im Massenstart mit den besten Amateur-Bergfahrern und
·         das erste Bergrennen mit weit über 1000 Höhenmetern Aufstieg.
Dennoch dachte ich, dass mir die Strecke liegen sollte. Eigentlich ist das genau meine Stärke – lange konstant bergauf fahren.
Genau das hatte ich auch in den letzten drei Monaten trainiert: lange Zeit knapp unterhalb der Laktatschwelle bleiben und weniger Fokus auf den hochintensiven Bereich. Das war scheinbar ein Fehler, dazu später mehr.
Was mir bekannt war:
Meine Form war gut, noch im März hatte ich im Trainingslager auf Mallorca an zwei aufeinanderfolgenden Tagen meine absoluten Bestwerte über 30 Minuten erzielt.
Die Wettervorhersage war ziemlich perfekt, eher kühl und windstill.
Die Straße bietet ein unglaublich schönes Panorama.
Um 6:30 war ich bereits im ersten Startblock zu finden, um möglichst weit vorne zu starten. Um 7:00 ertönte dann der Startschuss und es war (wie immer bei so vielen Teilnehmern) ein Chaos bis wirklich alle losfahren konnten. Ich hatte trotz meiner recht guten Startposition sofort ca. 100m Rückstand aufzuholen. Also nichts mit locker angehen und im Windschatten verstecken. Nach den ersten paar Kilometern war ich dann in der Spitzengruppe angekommen und konnte mich ein Bisschen erholen. Dennoch war der Start für mich alles andere als optimal. Nach etwa zehn Kilometern kam dann der erste Anstieg bis zur Mautstelle (ca. 200hm). Immer wieder wurde das Tempo erhöht, es war etwas unregelmäßig, aber ich verspürte noch keine Schmerzen, zu viel Adrenalin war im Blut.
Kurz darauf folgte sogleich die erste richtig knackige Tempoverschärfung, mit der ich so nicht gerechnet hatte, schließlich hatte der lange Anstieg noch gar nicht begonnen. Ich war etwas überrascht und zögerte, es ging eine Lücke auf. An dieser Stelle taten sich in meinem Kopf zwei Möglichkeiten auf:
1.      „Dem Plan folgen“ - mein eigenes Tempo fahren; Energie aufsparen, es liegen ja noch ca. 1700hm vor dir; Antritte verkraftest du nicht so gut
2.      „Du bist so geil“ – JAWOI DO GEMMA MIT! Spitzengruppe muss man halten sonst ist es vorbei bevor es überhaupt angefangen hat
Natürlich entschied ich mich wie vorgenommen als vernünftiger Mensch für die…
… zweite Option, leider.
Zu meiner Verteidigung:
Ich wollte es einfach nicht wahrhaben, dass ich schon so früh reißen lassen musste. So viel hartes Training, so viel Zeit (ich will nicht sagen „Leid“ – dieses Wort hat bei einer freiwilligen Aktivität meiner Meinung nach nichts verloren) geht drauf, um heute möglichst gut in Form zu sein. Und dann wirst du an der ersten Steigung abgehängt. Dieser Gedanke war für mich in diesem Moment unerträglich. Also erhöhte ich mein Tempo und fuhr die Lücke von etwa 15m mit rund 7w/kg (450w) zu. Kaum war ich wieder dran folgte die nächste Attacke. Hier hatte ich abermals die Möglichkeiten 1 oder 2 (siehe oben)
Natürlich entschied ich mich als vernünftiger Mensch für die…
…zweite Option, schon wieder!
Zu meiner Verteidigung:
An diesem Zeitpunkt war aber auch schon ziemlich wenig Sauerstoff im Hirn…
Diesmal ging ich gleich aber gleich mit und es standen kurz teilweise 600w auf dem Display. Das tat natürlich schon ziemlich weh und mein Puls war bei weit über 190. Ich schwor mir, die nächste Attacke nicht mitzugehen.
Die Laktatkonzentration im Blut war dann scheinbar doch hoch genug, um wieder zur Vernunft zu kommen, denn als keine fünf Sekunden der nächste Antritt folgte, ließ ich - mehr oder weniger freiwillig – die Spitzengruppe davonziehen.
Ich ärgerte mich ein Bisschen, weil wir kurz danach das Flachstück rund um die Mautstelle Ferleiten erreichten. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich noch drangeblieben, dann hätte ich mich im Windschatten etwas erholen können. Ich hatte dort aber etwa 30m Abstand, leider keinen Windschatten und auch nicht mehr die Beine, um wieder zur etwa 7-Köpfigen Spitzengruppe aufzuschließen. Sie waren einige Zeit lang ähnlich schnell wie ich. Ich drehte mich zum ersten Mal um. Zum Glück war hinter mir recht lang keiner mehr.
Ab der Mautstelle beginnt der Anstieg eigentlich erst so richtig. Das Adrenalin wurde langsam abgebaut, die Beine wurden schwerer und mir wurde bewusst, was mir gerade passiert war. Ich hatte aus Ego-Gründen meinen soliden Plan aus dem Fenster geworfen, mein ganzes Pulver verschossen und trotzdem die Spitzengruppe nicht halten können - also der Worst Case.
Ich versuchte trotzdem meine Zielleistung von 330w aufrechtzuerhalten, im Training fahre ich das mit ca. 170 Puls. Ich kam nicht mehr unter 180… Zu hoch war die Vorbelastung gewesen. Ich konnte nur noch gerade so über 300w treten. Mein Körper schaltete sozusagen in den Notfallmodus. Ich bezahlte also den hohen Preis für die vielen kurzen, aber heftigen Antritte mit Mehrfachverzinsung.
Kurz gesagt: Ich bezahlte für meine eigene Dummheit! Warum musste ich auch des Egos halber unbedingt in der Spitzengruppe bleiben? Ein absoluter Anfängerfehler! „Du bist so a Trottel“ sagte ich zu mir.
Naja, ärgern bringt einen auch nicht ans Ziel… ins Pedal Treten hingegen schon eher.
Die Beine waren aber wie gesagt ziemlich leer, es blieb fast nur noch meine (gottseidank sehr gute) Grundlagenausdauer übrig.
Das Positive war: Anhand der Farben der Startnummern konnte man erkennen wer zum Classic- und wer zum Ultraziel fährt. Soweit ich das anfangs (mit laktatverschwommener Sicht) beobachtet hatte, waren nur zwei Fahrer der Ultrawertung vor mir. Das heißt ich lag in meiner Wertung auf Podiumskurs und insgesamt in den Top Ten!
Außerdem waren noch zwei andere aus der Spitzengruppe gefallen, sie waren lange in Sichtweite, aber ich konnte sie leider nicht einholen und verlor langsam aber kontinuierlich an Boden.
Mir blieb nun etwas Zeit, die wolkendurchzogene, atemberaubende Landschaft zu bestaunen. So war ich für die nächsten ca. 20 Minuten ziemlich alleine „im Nirgendwo unterwegs“, was mich eigentlich ziemlich wunderte. Ich war mir sicher, dass das halbe Feld schon bald links und rechts an mir vorbeischießen würde. Dies war zum Glück nicht der Fall.
Es kamen schließlich auf etwa halber Strecke zwei Classic-Fahrer näher. Knapp dahinter erspähte ich einen Ultra-Fahrer, also einen direkten Konkurrenten. Die beiden überholten mich. Ich versuchte eine Zeit lang dranzubleiben, dazu war ungefähr meine Zielleistung nötig. Mir fiel auf, dass die beiden eine viel höhere Atemfrequenz hatten als ich. Ich konnte eben nur noch Grundlage fahren. Einige hundert Meter blieb ich dran und der Abstand zum direkten Konkurrenten wurde wieder etwas größer. Dann musste ich die beiden ziehen lassen und war bis kurz vorm Ziel wieder alleine unterwegs. Vielleicht wurde ich auch noch einmal von jemandem überholt, ich muss sagen, ich weiß es nicht mehr genau. Die Erinnerungen verschwimmen.
Zu diesem Zeitpunkt war das Podium eigentlich schon fast fix. Ich kam schließlich einem Classic-Fahrer, der sich offensichtlich etwas weiter oben auch ähnlich arg abgeschossen hatte wie ich, immer näher.
An der Abzweigung zur Edelweißspitze war ich fast an seinem Hinterrad. Für ihn war das Ziel jetzt schon zum Greifen nah, für mich gings nach links auf die letzten gepflasterten 1,7km. Der Belag war besser als erwartet und ich versuchte nochmals mit Würde ins Ziel zu fahren. Ich sah etwas vor mir sogar noch den Zweitplatzierten. Das motivierte mich nochmals ein Bisschen, aber zum Ein- oder gar Überholen war er zu weit weg. Die Auswirkungen der Höhenlage merkte ich eigentlich kaum, vermutlich weil ich mich ja schon 1500 Höhenmeter weiter unten völlig gesprengt hatte.
Letztendlich wurde es tatsächlich der dritte Platz in der Ultra-Wertung, bis zur Kreuzung war ich ungefähr der zwölftschnellste Fahrer von allen, trotz meiner katastrophalen taktischen Leistung. Auf die Schnellsten des Tages fehlten mir nur etwa fünf Minuten. Das ist einerseits ärgerlich und andererseits recht vielversprechend.
Fazit:
1.      Nennt mich Ikarus, denn ich war zu nahe an der Sonne geflogen und dabei hoffnungslos verbrannt.
2.      „Hätt i – war i“ – Hätte ich mein Ego am Anfang in Griff gehabt, wär ich jetzt auch mit mir zufrieden
3.      Ich habe viel gelernt, übers Radfahren und über mich selbst
4.      Ich freue mich schon auf nächstes Jahr, denn es besteht noch Verbesserungspotential
5.      Die Großglockner Hochalpenstraße ist eine der schönsten Straßen überhaupt
6.      Danke an die großartige Organisation, es war ein geiles Rennen!
7.      Es hat mich sehr gefreut, dass meine Frau Steffi mitgekommen ist
Ja ihr habt richtig gelesen: ich war bei einem renommierten Rennen ungefähr der Zwölftbeste von knapp 3000, stand unerwartet auf dem Podium und bin trotzdem nicht zufrieden. Warum das so ist, habe ich euch hoffentlich in den über drei (!) Seiten etwas näherbringen können:
Ich habe mir am Anfang selbst die Möglichkeit genommen, mein Bestes abzuliefern. Jetzt muss ich ein ganzes Jahr warten, um es wiedergutzumachen.
Danke an alle, die bis hierhin gelesen haben!
-          Euer Ikarus
Thomas Kronsteiner
 
Copyright 2016. All rights reserved.
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü