„Ich werde
mein eigenes Tempo fahren“, versprach ich in weiser Voraussicht meinen
RadsportkollegInnen vor dem Glocknerkönig 2026. Und ich versprach es eigentlich
vor allem auch mir selbst. Wenn ich nämlich beim Radfahren etwas nicht so gut
kann, dann sind es viele kurze Sprints oder Antritte hintereinander. Ich würde
mich also sicher nicht von anderen Fahrern dazu verleiten lassen, das hatte ich
auch in vorigen Rennen schon gelernt.
Eine Information
vorweg, um Verwirrung zu vermeiden:
Bei diesem
Rennen gab es zwei Zielorte.
Den
Klassiker bis zum Fuscher Törl auf ca. 2430m (Wertung „Classic“) und die
noch etwas längere Variante bis auf die Edelweißspitze in 2570m Höhe („Ultra“).
Ich war für den Ultra-Bewerb angemeldet (so nach dem Motto wenn schon, denn
schon). Die Strecke der beiden Wertungen war exakt gleich, nur ca. 300m vor dem
Ziel der Classic-Strecke befand sich die Kreuzung zur Edelweißspitze. Von dort
aus waren es für die Ultra-Teilnehmer noch ca 1,7km auf Kopfsteinpflaster bis ins
Ziel. Es starteten alle gemeinsam.
Vor dem
Rennen war vieles unbekannt für mich:
·
Das erste Mal Radfahren in der Höhe über 2000m,
·
das erste Mal im Massenstart mit den besten
Amateur-Bergfahrern und
·
das erste Bergrennen mit weit über 1000 Höhenmetern
Aufstieg.
Dennoch dachte
ich, dass mir die Strecke liegen sollte. Eigentlich ist das genau meine Stärke
– lange konstant bergauf fahren.
Genau das
hatte ich auch in den letzten drei Monaten trainiert: lange Zeit knapp
unterhalb der Laktatschwelle bleiben und weniger Fokus auf den hochintensiven
Bereich. Das war scheinbar ein Fehler, dazu später mehr.
Was mir bekannt
war:
Meine Form
war gut, noch im März hatte ich im Trainingslager auf Mallorca an zwei
aufeinanderfolgenden Tagen meine absoluten Bestwerte über 30 Minuten erzielt.
Die
Wettervorhersage war ziemlich perfekt, eher kühl und windstill.
Die Straße
bietet ein unglaublich schönes Panorama.
Um 6:30
war ich bereits im ersten Startblock zu finden, um möglichst weit vorne zu
starten. Um 7:00 ertönte dann der Startschuss und es war (wie immer bei so
vielen Teilnehmern) ein Chaos bis wirklich alle losfahren konnten. Ich hatte
trotz meiner recht guten Startposition sofort ca. 100m Rückstand aufzuholen.
Also nichts mit locker angehen und im Windschatten verstecken. Nach den ersten
paar Kilometern war ich dann in der Spitzengruppe angekommen und konnte mich
ein Bisschen erholen. Dennoch war der Start für mich alles andere als optimal. Nach
etwa zehn Kilometern kam dann der erste Anstieg bis zur Mautstelle (ca. 200hm).
Immer wieder wurde das Tempo erhöht, es war etwas unregelmäßig, aber ich
verspürte noch keine Schmerzen, zu viel Adrenalin war im Blut.
Kurz
darauf folgte sogleich die erste richtig knackige Tempoverschärfung, mit der
ich so nicht gerechnet hatte, schließlich hatte der lange Anstieg noch gar
nicht begonnen. Ich war etwas überrascht und zögerte, es ging eine Lücke auf.
An dieser Stelle taten sich in meinem Kopf zwei Möglichkeiten auf:
1. „Dem Plan
folgen“ - mein
eigenes Tempo fahren; Energie aufsparen, es liegen ja noch ca. 1700hm vor dir;
Antritte verkraftest du nicht so gut
2. „Du bist
so geil“ – JAWOI
DO GEMMA MIT! Spitzengruppe muss man halten sonst ist es vorbei bevor es
überhaupt angefangen hat
Natürlich
entschied ich mich wie vorgenommen als vernünftiger Mensch für die…
… zweite
Option, leider.
Zu meiner
Verteidigung:
Ich wollte
es einfach nicht wahrhaben, dass ich schon so früh reißen lassen musste. So
viel hartes Training, so viel Zeit (ich will nicht sagen „Leid“ – dieses Wort
hat bei einer freiwilligen Aktivität meiner Meinung nach nichts verloren) geht
drauf, um heute möglichst gut in Form zu sein. Und dann wirst du an der ersten
Steigung abgehängt. Dieser Gedanke war für mich in diesem Moment unerträglich.
Also erhöhte ich mein Tempo und fuhr die Lücke von etwa 15m mit rund 7w/kg
(450w) zu. Kaum war ich wieder dran folgte die nächste Attacke. Hier hatte ich
abermals die Möglichkeiten 1 oder 2 (siehe oben)
Natürlich
entschied ich mich als vernünftiger Mensch für die…
…zweite
Option, schon wieder!
Zu meiner
Verteidigung:
An diesem
Zeitpunkt war aber auch schon ziemlich wenig Sauerstoff im Hirn…
Diesmal
ging ich gleich aber gleich mit und es standen kurz teilweise 600w auf dem
Display. Das tat natürlich schon ziemlich weh und mein Puls war bei weit über
190. Ich schwor mir, die nächste Attacke nicht mitzugehen.
Die Laktatkonzentration im Blut war dann scheinbar doch hoch genug, um wieder
zur Vernunft zu kommen, denn als keine fünf Sekunden der nächste Antritt folgte,
ließ ich - mehr oder weniger freiwillig – die Spitzengruppe davonziehen.
Ich
ärgerte mich ein Bisschen, weil wir kurz danach das Flachstück rund um die
Mautstelle Ferleiten erreichten. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich noch
drangeblieben, dann hätte ich mich im Windschatten etwas erholen können. Ich
hatte dort aber etwa 30m Abstand, leider keinen Windschatten und auch nicht
mehr die Beine, um wieder zur etwa 7-Köpfigen Spitzengruppe aufzuschließen. Sie
waren einige Zeit lang ähnlich schnell wie ich. Ich drehte mich zum ersten Mal
um. Zum Glück war hinter mir recht lang keiner mehr.
Ab der
Mautstelle beginnt der Anstieg eigentlich erst so richtig. Das Adrenalin wurde
langsam abgebaut, die Beine wurden schwerer und mir wurde bewusst, was mir
gerade passiert war. Ich hatte aus Ego-Gründen meinen soliden Plan aus dem
Fenster geworfen, mein ganzes Pulver verschossen und trotzdem die Spitzengruppe
nicht halten können - also der Worst Case.
Ich versuchte trotzdem meine Zielleistung von 330w aufrechtzuerhalten, im
Training fahre ich das mit ca. 170 Puls. Ich kam nicht mehr unter 180… Zu hoch
war die Vorbelastung gewesen. Ich konnte nur noch gerade so über 300w treten. Mein
Körper schaltete sozusagen in den Notfallmodus. Ich bezahlte also den hohen Preis
für die vielen kurzen, aber heftigen Antritte mit Mehrfachverzinsung.
Kurz gesagt: Ich bezahlte für meine eigene Dummheit! Warum musste ich auch des
Egos halber unbedingt in der Spitzengruppe bleiben? Ein absoluter
Anfängerfehler! „Du bist so a Trottel“ sagte ich zu mir.
Naja,
ärgern bringt einen auch nicht ans Ziel… ins Pedal Treten hingegen schon eher.
Die Beine
waren aber wie gesagt ziemlich leer, es blieb fast nur noch meine (gottseidank
sehr gute) Grundlagenausdauer übrig.
Das Positive
war: Anhand der Farben der Startnummern konnte man erkennen wer zum Classic-
und wer zum Ultraziel fährt. Soweit ich das anfangs (mit laktatverschwommener
Sicht) beobachtet hatte, waren nur zwei Fahrer der Ultrawertung vor mir. Das
heißt ich lag in meiner Wertung auf Podiumskurs und insgesamt in den Top
Ten!
Außerdem
waren noch zwei andere aus der Spitzengruppe gefallen, sie waren lange in
Sichtweite, aber ich konnte sie leider nicht einholen und verlor langsam aber kontinuierlich
an Boden.
Mir blieb
nun etwas Zeit, die wolkendurchzogene, atemberaubende Landschaft zu bestaunen. So
war ich für die nächsten ca. 20 Minuten ziemlich alleine „im Nirgendwo
unterwegs“, was mich eigentlich ziemlich wunderte. Ich war mir sicher, dass das
halbe Feld schon bald links und rechts an mir vorbeischießen würde. Dies war
zum Glück nicht der Fall.
Es kamen
schließlich auf etwa halber Strecke zwei Classic-Fahrer näher. Knapp dahinter
erspähte ich einen Ultra-Fahrer, also einen direkten Konkurrenten. Die beiden
überholten mich. Ich versuchte eine Zeit lang dranzubleiben, dazu war ungefähr
meine Zielleistung nötig. Mir fiel auf, dass die beiden eine viel höhere
Atemfrequenz hatten als ich. Ich konnte eben nur noch Grundlage fahren. Einige
hundert Meter blieb ich dran und der Abstand zum direkten Konkurrenten wurde
wieder etwas größer. Dann musste ich die beiden ziehen lassen und war bis kurz
vorm Ziel wieder alleine unterwegs. Vielleicht wurde ich auch noch einmal von
jemandem überholt, ich muss sagen, ich weiß es nicht mehr genau. Die
Erinnerungen verschwimmen.
Zu diesem
Zeitpunkt war das Podium eigentlich schon fast fix. Ich kam schließlich einem
Classic-Fahrer, der sich offensichtlich etwas weiter oben auch ähnlich arg abgeschossen
hatte wie ich, immer näher.
An der
Abzweigung zur Edelweißspitze war ich fast an seinem Hinterrad. Für ihn war das
Ziel jetzt schon zum Greifen nah, für mich gings nach links auf die letzten
gepflasterten 1,7km. Der Belag war besser als erwartet und ich versuchte
nochmals mit Würde ins Ziel zu fahren. Ich sah etwas vor mir sogar noch den
Zweitplatzierten. Das motivierte mich nochmals ein Bisschen, aber zum Ein- oder
gar Überholen war er zu weit weg. Die Auswirkungen der Höhenlage merkte ich
eigentlich kaum, vermutlich weil ich mich ja schon 1500 Höhenmeter weiter unten
völlig gesprengt hatte.
Letztendlich
wurde es tatsächlich der dritte Platz in der Ultra-Wertung, bis zur Kreuzung
war ich ungefähr der zwölftschnellste Fahrer von allen, trotz meiner
katastrophalen taktischen Leistung. Auf die Schnellsten des Tages fehlten mir nur
etwa fünf Minuten. Das ist einerseits ärgerlich und andererseits recht vielversprechend.
Fazit:
1. Nennt mich
Ikarus, denn ich war zu nahe an der Sonne geflogen und dabei hoffnungslos
verbrannt.
2. „Hätt i –
war i“ – Hätte ich mein Ego am Anfang in Griff gehabt, wär ich jetzt auch mit
mir zufrieden
3. Ich habe
viel gelernt, übers Radfahren und über mich selbst
4. Ich freue
mich schon auf nächstes Jahr, denn es besteht noch Verbesserungspotential
5. Die
Großglockner Hochalpenstraße ist eine der schönsten Straßen überhaupt
6. Danke an
die großartige Organisation, es war ein geiles Rennen!
7. Es hat
mich sehr gefreut, dass meine Frau Steffi mitgekommen ist
Ja ihr
habt richtig gelesen: ich war bei einem renommierten Rennen ungefähr der Zwölftbeste
von knapp 3000, stand unerwartet auf dem Podium und bin trotzdem nicht
zufrieden. Warum das so ist, habe ich euch hoffentlich in den über drei (!)
Seiten etwas näherbringen können:
Ich habe
mir am Anfang selbst die Möglichkeit genommen, mein Bestes abzuliefern. Jetzt
muss ich ein ganzes Jahr warten, um es wiedergutzumachen.
Danke an alle, die bis hierhin gelesen haben!
-
Euer Ikarus
Thomas Kronsteiner